Was Augenbrauentrends über ihre Zeit erzählen
Eigentlich begann dieser Beitrag mit einem Video.
Für das Institut für Empathie haben wir ein Teamvideo aufgenommen, in dem wir uns und unsere Arbeit vorgestellt haben. Und wie so oft, wenn mein Gesicht zum Thema wird, dauerte es nicht lange, bis meine Augenbrauen zur Sprache kamen. Denn sie sind kaum zu übersehen.
Ich erklärte kurz, warum ich sie so style, was ich damit bezwecke und welche Wirkung ich für mich bewusst nutze. Daraufhin lud mich Anne Fierhauser ein, das Thema einmal ausführlicher zu betrachten. Je länger ich mich damit beschäftigte, desto spannender wurde die Frage.
Wir zupfen Augenbrauen dünn, lassen sie buschig wachsen, zeichnen sie gerade, rasieren Unterbrechungen hinein, färben sie, laminieren sie oder bürsten sie nahezu senkrecht nach oben. Und häufig verändern nicht nur einzelne Menschen ihre Brauen. Ganze Generationen bevorzugen über Jahre hinweg ähnliche Formen.
Natürlich nennen wir das Mode. Aber vielleicht steckt darin noch etwas anderes. Vielleicht verraten Augenbrauentrends weniger darüber, wer ein einzelner Mensch wirklich ist, als darüber, welches Gesicht eine Zeit gerade zeigen möchte.
Warum ausgerechnet die Augenbrauen?
Augenbrauen sind weit mehr als ein dekorativer Rahmen oberhalb unserer Augen. Sie gehören zu den Merkmalen, an denen wir ein Gesicht erkennen und über die wir Ausdruck wahrnehmen.
Forscher der Abteilung für Gehirn- und Kognitionswissenschaften am MIT untersuchten bereits 2003, welche Bedeutung Augenbrauen für die Gesichtserkennung haben. Bekannte Gesichter wurden deutlich schlechter erkannt, wenn auf den Bildern die Augenbrauen entfernt worden waren. Der Effekt war in diesem Experiment sogar stärker als beim Entfernen der Augen.
Auch für unsere Einschätzung eines Gegenübers ist die Augenbrauenregion relevant. Forschende aus Psychologie und Neuropsychologie konnten zeigen, dass dieser Bereich unter anderem in die Wahrnehmung von Dominanz einfließt.
Genau diese Verbindung finde ich faszinierend. Im Gesichtslesen beschäftigen wir uns damit, welche Informationen Formen, Proportionen und Merkmale eines Gesichts tragen. Durch Styling kommt eine weitere Ebene hinzu: Wir entscheiden, was wir hervorheben, wie stark ein Merkmal sichtbar wird und welche Wirkung wir damit nach außen tragen möchten. Und kaum irgendwo lässt sich das so deutlich beobachten wie an unseren Augenbrauen.
Welches Gesicht möchte eine Zeit zeigen?
Ein Blick auf die vergangenen hundert Jahre zeigt ein erstaunliches Pendeln zwischen den Extremen.
In den 1920er-Jahren wurden Augenbrauen zu sehr feinen Linien gezupft, teilweise nahezu vollständig entfernt und anschließend neu eingezeichnet. Dieser Look gehörte zur Ästhetik der sogenannten Flapper – jungen Frauen, die besonders in den USA für einen moderneren Lebensstil, neue Mode und größere persönliche Freiheiten standen. Das Smithsonian, ein großer US-Museums- und Forschungsverbund, dokumentiert die dünn gezupften und anschließend gezeichneten Brauen dieser Zeit anhand historischer Quellen.
Später wurden die Brauen wieder voller. In den 1980er-Jahren standen Frauen wie Brooke Shields für kräftige, natürliche und auffällige Brauen.
In den 1990ern und frühen 2000ern drehte sich das Bild erneut. Dünne, akkurat gezupfte Augenbrauen wurden zum prägenden Beauty-Look einer ganzen Ära.
Dann kamen die 2010er – und plötzlich konnte eine Braue gar nicht voll genug sein. Cara Delevingne wurde mit ihren kräftigen, dunklen Augenbrauen zum Gesicht der Power Brow.
Heute existieren wieder mehrere Gegenbewegungen gleichzeitig. Dünne Brauen feiern ihr Comeback, während besonders unter jüngeren Trendsetterinnen auch die sehr gerade Straight oder Flat Brow auffällt.
Die Augenbraue pendelt also immer wieder zwischen Fülle und Reduktion, Bogen und Linie, Natürlichkeit und gezielter Inszenierung. Warum?
Dünne Augenbrauen – wenn aus „mehr“ wieder „weniger“ wird
Im Gesichtslesen verbinden wir dünne Augenbrauen unter anderem mit Konzentration, Genauigkeit und dem Wunsch nach Einfachheit und Klarheit. Menschen mit diesem Merkmal können ihre Aufmerksamkeit sehr intensiv auf eine Sache richten, nehmen Nuancen genau wahr und bevorzugen häufig ein Vorgehen, bei dem eins nach dem anderen erledigt wird. Gleichzeitig vermittelt die dünne Braue eine eher sanfte, friedvolle Wirkung. Ärger wird weniger offensiv nach außen getragen und mit zunehmender Feinheit kann die Wirkung reservierter werden. Auch die Sensibilität dafür, wie das eigene Auftreten von anderen wahrgenommen wird, spielt in dieser Brauenform eine Rolle.
Interessant wird es, wenn man die Epochen betrachtet, in denen die dünne Braue besonders populär wurde. Die 1920er brachten nicht nur eine neue Augenbraue hervor. Sie waren von erheblichen Veränderungen weiblicher Lebensentwürfe geprägt. Persönliche Freiheiten, gesellschaftliche Teilhabe und neue Möglichkeiten für Frauen gewannen an Bedeutung.
Eine weitere große Phase begann in den 1990ern. Nach der visuellen Opulenz der 1980er wurde die Ästhetik reduzierter – und die Braue gleich mit. Die sehr dünn gezupfte Augenbraue wurde zu einem der prägendsten Beauty-Merkmale der 1990er und frühen 2000er.
Heute kehrt genau diese Reduktion wieder zurück. Skinny Brows werden von einer Generation aufgegriffen, die viele dieser Looks selbst gar nicht erlebt hat und sie nun über die sogenannte Y2K-Ästhetik, also Mode und Beauty rund um die Jahrtausendwende, neu interpretiert.
Nach Phasen des „Mehr“ entsteht offenbar immer wieder eine Faszination für das „Weniger“. Vielleicht zeigt sich unser Wunsch nach Reduktion und Klarheit deshalb nicht nur in Kleidung, Einrichtung oder Design, sondern irgendwann auch direkt in unserem Gesicht.
Dicke und buschige Brauen – das Gesicht nimmt Raum ein
Die dicke Braue erzählt im Gesichtslesen eine vollkommen andere Geschichte. Hier begegnen uns Selbstbewusstsein, Mut, Tatkraft und Durchsetzung. Menschen mit kräftigen Brauen besitzen häufig viel Energie, stellen sich Problemen und können vehement für das eintreten, was ihnen wichtig ist. Sie bringen Präsenz mit und wirken auf ihr Umfeld intensiver.
Auch die Art, Informationen zu verarbeiten, verändert sich. Wo die dünne Braue stärker reduziert und fokussiert, kann die kräftige Braue mehrere Dinge und Zusammenhänge nebeneinander erfassen. Der Blick richtet sich stärker auf das Gesamtbild.
Das Fashion Institute of Technology in New York beschreibt die 1980er mit dem passenden Grundsatz „bigger meant better“ – größer galt als besser. Große Haare, breite Schulterpartien, kräftige Farben und auffällige Accessoires bestimmten das Bild. Gleichzeitig etablierte sich das sogenannte Power Dressing. Besonders Frauen, die zunehmend in männlich geprägte berufliche Bereiche vordrangen, nutzten Kleidung bewusst, um Autorität und Präsenz zu vermitteln. Und auch die Braue nahm plötzlich wieder mehr Raum ein. Brooke Shields wurde mit ihren kräftigen natürlichen Augenbrauen zu einer Ikone dieses Looks.
Nach den stark gezupften 1990ern wiederholte sich das Pendel Anfang der 2010er. Cara Delevingnes markante Augenbrauen wurden so prägend, dass die Beautywelt von Power Brows sprach.
Schon diese Wortwahl finde ich bemerkenswert: Power, Präsenz, Stärke.
Vielleicht möchte eine Zeit manchmal nicht nur anders gekleidet sein. Vielleicht möchte sie auch ein Gesicht zeigen, das mehr Raum einnimmt.
Der Cut – wenn wir eine Unterbrechung sichtbar ins Gesicht setzen
Noch faszinierender finde ich den bewusst rasierten Cut in der Augenbraue. In meinen Unterlagen zum Gesichtslesen finden sich bei Unterbrechungen der Braue Themen wie Brüche im Leben und erhebliche Veränderungen. Bei bewusst gesetzten, rasierten Cuts begegnet uns zusätzlich die Formulierung der „kleinen Schlachten“.
Und der Cut ist keineswegs eine Erfindung von TikTok. Seine moderne Trendgeschichte ist eng mit der amerikanischen Hip-Hop-Kultur verbunden. Ein Archivfoto aus dem Jahr 1989 zeigt den US-Rapper Big Daddy Kane mit diagonal in die Augenbraue rasierten Linien. In den folgenden Jahrzehnten tauchte der Look immer wieder auf, bis er 2015 im Mainstream erneut große Aufmerksamkeit bekam. Plötzlich wurde häufiger vom Eyebrow Slit gesprochen, obwohl der Stil innerhalb der Hip-Hop-Kultur längst als Eyebrow Cut bekannt war.
Und dann kam 2020.
Während der Coronazeit wurde das bewusste Rasieren und Verändern der Augenbrauen auf TikTok erneut sichtbar. Gleichzeitig erlebte gerade eine junge Generation erhebliche Unterbrechungen ihres normalen Alltags. Schulen schlossen, persönliche Begegnungen wurden eingeschränkt, Ausbildung und Studium veränderten sich und wichtige soziale Entwicklungsräume fielen zeitweise weg.
Was geschieht, wenn eine Generation, die solche Unterbrechungen erlebt, genau diese Unterbrechung sichtbar in ihr Gesicht setzt?
Diese Frage möchte ich gar nicht vorschnell beantworten. Ich finde sie viel interessanter, wenn sie offen im Raum stehen bleibt.
Gerade Augenbrauen – Klarheit für eine komplexe Zeit?
Der aktuelle Trend bringt noch eine weitere Form ins Spiel: Augenbrauen werden auffällig gerade. Die sogenannte Straight oder Flat Brow besitzt kaum noch den klassischen hohen Bogen. Ihre internationale Verbreitung ist stark durch K-Beauty geprägt – damit sind Beauty-Trends aus Südkorea gemeint, die sich über K-Pop, soziale Medien und die internationale Kosmetikbranche weltweit verbreiten.
Im Gesichtslesen symbolisiert die Form der Augenbraue auch die Denkweise. Gerade Brauen verbinden wir mit einem besonders logischen und pragmatischen Zugang. Diese Menschen wollen Informationen sammeln, Situationen realistisch einschätzen und praktische Lösungen finden. Entscheidungen werden sorgfältig abgewogen. Ist eine Entscheidung gefallen, wird sie konsequent verfolgt.
„Wenn ich mich entschieden habe, ziehe ich es durch.“
Gerade Brauen stehen für Realitätssinn, Zielorientierung und eine gewisse emotionale Zurückhaltung. Im Siang Mien, dem traditionellen chinesischen Gesichtslesen, gilt: Je gerader die Braue, desto bodenständiger und schnörkelloser wird die Denkweise gelesen.
Besonders interessant finde ich, dass der aktuelle Trend gerade zwei Formen zusammenführt: Die Braue wird dünner und gleichzeitig gerader. Im Gesichtslesen treffen damit der Wunsch nach Reduktion und Klarheit auf Pragmatismus, Realitätssinn und Zielorientierung.
Und dazu passt eine bemerkenswerte gesellschaftliche Beobachtung. Die Shell Jugendstudie, eine der bekanntesten Langzeituntersuchungen über junge Menschen in Deutschland, beschreibt die 2024 untersuchte Generation als besorgt und gleichzeitig bemerkenswert pragmatisch sowie optimistisch zukunftsorientiert.
Diese Generation wächst mit Pandemieerfahrungen, Krieg in Europa, wirtschaftlicher Unsicherheit, Klimafragen, künstlicher Intelligenz und einer enormen Geschwindigkeit gesellschaftlicher Veränderungen auf. Und ausgerechnet jetzt wird eine Brauenform populär, die wir im Gesichtslesen mit Reduktion, Pragmatismus, Realitätssinn und klarer Zielverfolgung verbinden.
Welche Form könnte besser zu der Frage passen: Was brauche ich wirklich – und was führt mich zu meinem Ziel?
Von der Generation zu meiner eigenen Braue
Bis hierhin haben wir auf Generationen geschaut. Doch der Ausgangspunkt dieses Beitrags waren weder die 1920er noch TikTok.
Es waren meine eigenen Augenbrauen.
Und genau dort wird die Frage nach Trends für mich noch spannender. Denn sobald wir vor dem Spiegel selbst zum Stift, zur Pinzette, zur Farbe oder zum Gel greifen, geht es nicht mehr nur darum, welches Gesicht eine Zeit zeigen möchte. Dann geht es auch darum: Welches Gesicht möchte ich selbst meiner Umwelt zeigen?
Genau davon handelt Teil 2 meines Gastbeitrages.
