Wissen, Herz und die Kunst der Begegnung
Gesichtlesen ist viel mehr als das Deuten von Merkmalen. Es ist ein Weg, der uns zu uns selbst führt, uns mit anderen verbindet und uns lehrt, die Welt durch ein offenes Herz zu betrachten. In den letzten Jahren – und besonders im achten Retreat meiner Intensivausbildung – ist mir klarer denn je geworden, dass es drei Säulen gibt, die diesen Weg tragen: das alte Wissen, die Sprache der wertschätzenden Kommunikation und der Mensch, der liest. Jede dieser Säulen verwandelt das Gesichtlesen in eine Seelenarbeit, die berührt, verändert und Frieden schafft.
Das Gesichtlesen und sein Weg
Das Gesichtlesen zu lernen kann ein sehr schneller Weg und gleichzeitig ein nie endender sein. Er führt ziemlich sicher in Sackgassen der Ratio, über innere Baustellen und an kommunikativen Verengungen vorbei. Im Gegenverkehr rauschen die eigenen Prägungen und Erfahrungen auf uns zu, und der Alltag vernebelt die Sicht.
Der Weg ist ganz sicher ein anstrengender – aber die Seelenpanoramen, die wir sehen dürfen, machen jeden Schritt wertvoll und jede Träne zum Gießwasser der Blumen, die am Wegrand wachsen…
Das Retreat der achten Intensivausbildung ist gerade erst seit einigen Tagen beendet und ich weiß nicht, ob mir die drei Säulen des Gesichtlesens jemals so klar wurden wie durch diese Gruppe.
Das fachliche Fundament im Gesichtlesen
Wer Gesichter lesen will, sollte Gesichter lesen können. Das Gesichtlesen ist wie eine Sprache: Unendlich viele Vokabeln stehen zur Verfügung, das unterscheidende Auge will geschult und die verschiedenen Relationen erkannt werden. Das Wissen ist jahrtausendealt und weltweit verteilt. Das Ziel „irgendwann alles zu wissen“ ist unerreichbar – viel zu viele Schriften, viel zu viele Richtungen, viel zu viele Ansätze gibt es, um befürchten zu müssen, dass dem Gesichtleser an sich einmal der Lernstoff ausgeht.
Mein Ziel in der Intensivausbildung ist es, ein Fundament an Wissen – zusammengesammelt aus dem weltweiten Fundus – zur Verfügung zu stellen: Die Essenz ist ein Leitz-Ordner-füllendes Skript, das hunderte Merkmale, Muttermale, Falten, Gesichtsformen etc. beschreibt und als Nachschlagewerk dient. Je nachdem, wo sich der Gesichtleser hin entwickelt und wie er es einsetzt, wird er seine Richtung einschlagen und das Wissen entsprechend bereichern und mit anderen Kompetenzen vernetzen.
Dieses Wissen ist der Grund für die Ausbildung und der Boden, auf dem meine Teilnehmer der Intensivausbildung stehen.
Warum wertschätzende Kommunikation im Gesichtlesen unverzichtbar ist
Haben wir nicht alle schon die Erfahrung gemacht? Ärzte, die die Kompetenz des Leben-Rettens haben, zerstören Seelen mit den falschen Worten. In meinen Augen ist gerade das Wissen der Gesichtleser eine immense Macht – die in die falschen Worte verpackt sehr viel mehr zerstören denn aufbauen kann.
Leider hat uns weder das Schulsystem noch das Gesundheitssystem noch die gesellschaftliche Etikette beigebracht, wie wertschätzende und stärkenorientierte Kommunikation funktioniert. Wie können Dinge ehrlich benannt werden und gleichzeitig als Chance gesehen werden? Wie kommen Botschaften an die Seele in der Seele an, ohne vergessen zu werden?
Das fachliche Wissen des Gesichtlesers ist – bestenfalls – nichts wert, schlechtestenfalls zerstörend, wenn es keinen entsprechenden Ausdruck findet. Das Trainieren der wertschätzenden – und hirngerechten – Kommunikation ist mir deshalb ausgesprochen wichtig in der Intensivausbildung.
Die innere Haltung des Lesenden – Herzöffnung als Schlüssel
Vielleicht die Säule, die sich erstmal am überraschendsten anfühlt, die aber in Wahrheit die wichtigste und stärkste ist. Nicht nur meine Überzeugungen, sondern auch meine Erfahrungen in den letzten acht Retreats beweisen immer wieder: Wer bereit ist, sein Herz zu öffnen und die Prozesse zulässt, die Schutzschichten abzubauen und zu durchbrechen, ist in der Lage, innerhalb kürzester Zeit ein gigantisch guter Gesichtleser zu werden.
Die Schutzschichten haben wir uns innerhalb unseres Lebens aufgebaut – sie nehmen uns Verletzbarkeit und Weichheit. Sie nehmen uns aber auch das Vertrauen in uns selbst, die Möglichkeit der wahrhaften Empathie, den Zugriff auf unsere Intuition. Wenn wir unser Herz selbst hinter einer Mauer von Schutz abgeriegelt haben, werden wir ganz sicher keinen Zugang zu anderen Herzen finden. Wenn wir unsere eigenen Schmerzen nicht umarmen, können wir nicht zur Gesundung anderer Herzen beitragen. Wenn wir unsere Ängste, unsere Wut, unsere Trauer irgendwo im eigenen dunklen Keller verstecken, werden wir kein Licht in andere Leben bringen können.
Wenn ich mir wünsche, andere Herzen zu öffnen, dann MUSS ich als erstes mein eigenes Herz öffnen. Echte Nächstenliebe funktioniert nur mit echter Selbstliebe!
Die heiligen Momente der Intensivausbildung
Würde man die inzwischen knapp 100 Teilnehmer der Intensivausbildung fragen, würden die allerwenigsten von großen Nasen, inneren Helixen und Pigmentflecken erzählen. Ihre Gedanken würden vermutlich zu jenen – wir nennen sie – „heiligen Momenten“ führen: die Befreiung innerer Kinder, das Absetzen von Masken, das Weinen der so lange unterdrückten Tränen, das Rausschreien der so oft runtergeschluckten Wut, das Loslassen lebenslanger Ansprüche und Anschuldigungen, das Aufbrechen versteinerter Herzen, das Fühlen echter Verbindung, das Finden der Dankbarkeit, das Zulassen des Stolzes und die Umarmung der Selbstliebe.
Die Momente, die einen Blick in das eigene Spiegelbild ehrlich und warm zulassen – und die dann den Blick in das Gesicht eines anderen Menschen magisch machen.
Die oben genannte erste Säule ist für die allermeisten der Grund für die Anmeldung – die genannte dritte Säule ist das, was das Herz lernt und hoffentlich nie wieder vergisst.
Das Wofür hinter dem Gesichtlesen
Das Retreat der halbjährigen Intensivausbildung im Gesichtlesen dauert sieben Tage – am Ende geben alle Teilnehmer ein in diesen Tagen erarbeitetes Reading ab. Es ist mein persönlicher „Loslöse-Prozess“, all diese Readings anzuschauen und zu feedbacken. Ich kann das Gefühl, das in mir aufsteigt, wenn ich diese Readings höre, nicht in Worte fassen – es ist Magie, wenn Menschen fachliches Wissen durch ihr offenes Herz strömen lassen und es über die Brücke der Kommunikation an die Seelen ihres „Schützlings“ weitergeben.
Ich sagte kürzlich erst zu einer Teilnehmerin: „Du hast aus den Farben des Gesichtes ein Gemälde der Seele gemacht“…
Dieses achte Retreat hat mir einmal mehr und in aller erdenklichen Klarheit gezeigt: Wenn wir unsere Herzen öffnen, können wir Licht in diese Welt bringen. Wenn wir lernen, uns selbst in den schönsten Farben unseres Seins anzuerkennen, dann können wir die Farben der anderen erstrahlen lassen. Wenn wir Räume der Emotionalität zulassen, dann können wir Räume der Sicherheit aufbauen.
Wenn wir voller Liebe in Gesichtern von Menschen lesen, entsteht Friede – in uns selbst, in unserem Gegenüber und in unserem gemeinsamen Raum… Kann dieser Raum nicht die Welt sein?
